Man erkennt den Wert vieler Dinge erst in dem Moment, in dem sie fehlen. Das gilt für Gesundheit. Für Vertrauen. Für Menschen. Und vermutlich gilt es auch für Medizinische Fachangestellte.
Wer heute eine Arztpraxis betritt, erlebt meist nur das Ergebnis ihrer Arbeit. Die Anmeldung ist besetzt, die Abläufe funktionieren, Laborwerte liegen vor, Termine werden koordiniert, Fragen beantwortet und Probleme gelöst. Was wie Routine wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis unzähliger Entscheidungen, die jeden Tag im Hintergrund getroffen werden.
Die meisten davon trifft keine Ärztin und kein Arzt. Die meisten davon treffen MFA.
Sie halten Informationen zusammen, bevor sieverloren gehen. Sie erkennen Unstimmigkeiten, bevor daraus Fehler werden. Sie beruhigen Menschen, die Angst haben, und strukturieren Tage, die längst aus dem Gleichgewicht geraten sind. Vieles davon erscheint selbstverständlich.
Vielleicht gerade deshalb, weil es zuverlässig geschieht.
Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace schrieb einmal, dass die offensichtlichsten Wahrheiten oft die am schwersten erkennbaren seien. Im Gesundheitswesen gehört die Arbeit von MFA zu diesen Wahrheiten.
Ihre Bedeutung wird selten diskutiert, solange alles funktioniert. Sichtbar wird sie häufig erst dort, wo Lücken entstehen.
Die Bundesagentur für Arbeit führt Medizinische Fachangestellte seit Jahren als Engpassberuf. Praxen in vielen Regionen suchen monatelangnach qualifizierten Mitarbeitenden. Gleichzeitig berichten immer mehr Kolleginnen davon, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, den Arbeitgeber zu wechseln oder den Beruf ganz zu verlassen.
Diese Entwicklung verdient Aufmerksamkeit. Nicht wegen der Statistik. Sondern wegen der Menschen dahinter. Denn auffällig ist, wer geht. Es sind oft erfahrene Fachkräfte. Menschen, die Verantwortung übernehmen, Wissen weitergeben und Teams stabilisieren. Menschen, die ihre Arbeit ernst nehmen und häufig weit mehr leisten, als ihre Stellenbeschreibung jemals erfassen könnte.
Wer verstehen möchte, warum das geschieht, findet in der Wissenschaft interessante Antworten.
Die Motivationsforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Menschen langfristig dort bleiben, wo sie ihre Fähigkeiten einsetzen,Einfluss nehmen und Wertschätzung erleben können. Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan zählt heute zu den am besten untersuchten Modellen der Arbeitsmotivation.
Wer mit MFA spricht, hört erstaunlich ähnliche Themen.
Es geht um Entwicklung. Es geht um Vertrauen. Es geht um die Möglichkeit, Ideen einzubringen. Es geht um das Gefühl, gesehen zu werden. Viele MFA verfügen heute über Kompetenzen, die weit über das traditionelle Berufsbild hinausreichen. Sie begleiten Digitalisierungsprojekte, koordinieren Qualitätsmanagement, organisieren komplexe Abläufe und übernehmen Führungsverantwortung. Die Realität moderner Arztpraxen hat sich längst verändert. Die Wahrnehmung dieses Berufes folgt dieserEntwicklung vielerorts nur mit Verzögerung. Vielleicht liegt genau hier eine der wichtigsten Aufgaben für die kommenden Jahre.
Die ambulante Versorgung braucht qualifizierte Fachkräfte. Sie braucht Erfahrung, Wissen und Verantwortungsbewusstsein. Vor allem braucht sie Menschen, die ihre Zukunft in diesem Beruf sehen.
Die Frage, was passieren würde, wenn morgen alle MFA kündigen würden, führt deshalb letztlich zu einer anderen Überlegung. Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen engagierte MFA bleiben möchten? Die Antwort entscheidet nicht nur über die Zukunft eines Berufsstandes. Sie entscheidet über die Zukunft der ambulanten Versorgung selbst.
Über die Autorin:
Linda Marohn ist Praxismanagerin, Abrechnungsmanagerin und Expertin für Praxisorganisation und Digitalisierung im Gesundheitswesen. Seit mehr als 20 Jahren begleitet sie die ambulante Versorgung aus unterschiedlichen Perspektiven und verbindet praktische Erfahrung mit wissenschaftlichem Know-how. Ihr Studium der Angewandten Gesundheitswissenschaften mit Schwerpunkt Digital Health Management absolvierte sie an der Universität Bielefeld. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich insbesondere mit der Weiterentwicklung der Rolle von Medizinischen Fachangestellten, moderner Führung und den Chancen der Digitalisierung für Arztpraxen.
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