Warum Medizinische Fachangestellte auf Social Media oft zur Projektionsfläche werden
Auf TikTok und Instagram begegnen sie uns immer wieder: Videos über lange Wartezeiten, überfüllte Wartezimmer oder angeblich unfreundliche Mitarbeitende an der Anmeldung. Die Kommentare darunter ähneln sich häufig: „Die Helferinnen sind immer unfreundlich.“ Oder „Die sitzen doch nur am Empfange und schicken einen wieder nach Hause.“
Diese Beiträge erreichen oft tausende Menschen. Sie lösen Diskussionen aus, bestätigen Vorurteile und prägen das Bild eines Berufs, den viele nur für wenige Minuten während eines Praxisbesuchs erleben.
Dabei lohnt sich ein zweiter Blick.
Ich kann den Frust vielen Patient: innen sehr gut verstehen. Wer Schmerzen hat, seit Monaten auf einen Facharzttermin wartet oder zum wiederholten Mal vertröstet wird, fühlt sich irgendwann hilflos und wütend. In solchen Momenten fällt es schwer, ruhig zu bleiben. Diese Emotionen sind nachvollziehbar.
Was jedoch häufig vergessen wird: Die Medizinische Fachangestellte an der Anmeldung entscheidet weder über den Fachkräftemangel noch über monatelange Wartezeiten. Sie entscheidet nicht über gesetzliche Vorgaben, Budgets oder die Anzahl der verfügbaren Termine. Trotzdem ist sie oft die erste Ansprechpartnerin – und damit auch diejenige, die den gesamten Frust abbekommt.
Viele Menschen sehen nur den kurzen Moment an der Anmeldung. Was im Hintergrund passiert, bleibt meist unsichtbar. Während ein Patient aufgerufen wird, klingeln mehrere Telefone gleichzeitig. Laborbefunde müssen bearbeitet, Notfälle koordiniert, Rückfragen beantwortet und organisatorische Aufgaben erledigt werden. All das geschieht oft parallel – und häufig unter hohem Zeitdruck.
Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Kommunikation nicht gelingt oder Patient: innen schlechte Erfahrungen machen. Kein Berufsstand ist frei von Fehlern und Kritik darf und soll geäußert werden. Doch aus einzelnen Erlebnissen ein Urteil über einen gesamten Berufsstand abzuleiten, wird weder den engagierten Medizinischen Fachangestellten noch den tatsächlichen Ursachen vieler Probleme gerecht.
Social Media lebt von Emotionen.
Ein 30-sekündiges Video kann Empörung erzeugen, Aufmerksamkeit gewinnen und sich rasend schnell verbreiten. Was es jedoch kaum zeigen kann, sind die komplexen Abläufe einer Arztpraxis und die Verantwortung, die Medizinische Fachangestellte jeden Tag übernehmen.
Vielleicht sollten wir deshalb häufiger unterscheiden zwischen dem System und den Menschen, die darin arbeiten. Viele der Herausforderungen im Gesundheitswesen sind strukturell. Sie lassen sich nicht an der Anmeldung lösen – und schon gar nicht durch persönliche Angriffe auf diejenigen, die dort ihren Beruf mit Engagement ausüben.
Patient: innen wünschen sich eine schnelle, verlässliche medizinische Versorgung. Medizinische Fachangestellte wünschen sich ihnen genau diese ermöglichen zu können. Dieses gemeinsame Zielt gerät im Alltag manchmal aus dem Blick.
Vielleicht braucht es auf beiden Seiten etwas mehr Verständnis.
Denn Respekt ist keine Einbahnstraße – und ein funktionierendes Gesundheitssystem beginnt nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit dem Bewusstsein, dass wir letztlich alle auf derselben Seite stehen.
Über die Autorin:
Svenja Klaes ist Medizinische Fachangestellte | angehende Fachwirtin ambulante medizinische Versorgung | Fokus: MVZ-Koordination & interdisziplinäre Patientenversorgung
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